„VogelSCHAU“ – Ausstellung im Kunstverein Biberach

„Vögel“

Collage, Stempelfarbe und Tusche auf Papier, 450 x 240 cm

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Redebeitrag zur Eröffnung von „VogelSCHAU“ im Kunstverein Biberach von Ralf Bertscheit zu seiner ausgestellten Arbeit „Vögel“ am 30.5.2025

Für meine Freunde da draußen.

Winter. Viel zu wenig heller Tag, viel zu lange kalte Nacht. Sonnenuntergang und Dämmerung schon um Fünf. Dann, eines Abends im Januar, überraschend milde Temperaturen. Beim Gang die Straße entlang an der Ecke plötzlich, wie von ganz weit, diese mäandrierenden, auf komische Weise barock verschnörkelten, vollen Operntöne. Ganz hoch oben auf einem Baum eine Amsel. Bei mir ein sehnendes Ziehen in der Brust.

Anfang April. Endlich Frühling. Eine Hecke, aus der es quatschelt, ratschelt, quackelt, trüllert. Eine schwatzende Hecke. Der geschwätzige Busch. Stehenbleiben, überrascht über diese plötzliche Fülle der Tonkaskaden. Ein Lächeln drängt sich auf. Die Mönchsgrasmücke ist wieder da.

Mai. Autofahrt bei Nacht, Fenster einen Spalt offen, am Kaufland-Parkplatz vorbei. Halt, da war doch was. Kann das sein ? Hier ? Anhalten, wenden, zurückfahren, halten, Fenster ganz runter, lauschen. Gesang, Pause. Andere Töne, Pause. Neue Melodie, Pause. Wieder ein neues Thema, Pause. Das hört nicht auf. Nachtigallen-Wahnsinn. Woher diese Vielfalt, dieser Ideenreichtum ? Und das im Gebüsch neben dem Kaufland-Parkplatz ! Beklommenheit über diesen Gegensatz, aber unsagbare Freude über dieses Zeichen aus der anderen Welt, der besseren.

Sommer. Laufen über die Felder, Weite, tiefer Horizont, hoher Himmel. „Hiäh“ – der immer traurige Bussard. Aber auch Töne weit dahinter, zunächst fast nicht hörbar. Unablässig kullerndes Gezwitscher von ganz hoch oben. Hochschauen, suchen. Kaum auszumachen, dort in der Luft stehend, ein flatterndes Etwas. Die Töne begleiten mich den Rest des Weges, in der Weite, in der Höhe. Feldlerche. Am Waldrand ist dann Schluss mit Lustig, die anderen übernehmen.

Immer noch Sommer. Am Bach sitzen, dem Plätschern und Glucksen zuschauen, zuhören. Plötzlich ein kurzes, heftig rauhes Geräusch, wie metallisches Kreischen. Zusammenzucken. Was war das ? Jurassic-Park, Saurier ? Der Schatten gleitet übers Wasser, hochschauen. Ein Graureiher.

Und – unübertrefflich, unvergleichlich, wie nicht von dieser Welt – im Frühling, früh in der Morgendämmerung, in der Streuobstwiese am Waldrand. Ein Konzert. Pure Fülle. Glück.

Als Vogelfreund schaue ich natürlich nach, wer die sind, die mich so beglücken. „Svenson, Grant, Mullarney, Zetterström – Der neue Kosmos Vogelführer.“ Bilder, Beschreibungen, Zugverhalten, Brutzeiten, Verbreitungskarten. Und dann noch – wie klingen sie ? Da sind in diesem Buch tatsächlich die mit der menschlichen Sprache nachgeahmten Vogeltöne in einer Art Lautschrift aufgeschrieben. Irre. Absurd. Witzig. Das geht doch nicht ! Doch, die machen das.

Meine Idee : abschreiben bzw. „abstempeln“. Das dauert Stunden und Tage, ich muss dabei selbst immer wieder schmunzeln und lachen über diese absurden Wortschöpfungen, die ich beim Arbeiten vor mich hin flüstere.

Vom Standpunkt des Kunsttheoretikers und Sprachwissenschaftlers aus gesehen – was repräsentieren diese Worte ? Sind das überhaupt Worte ? Stoße ich hier an die Grenzen der Sprache ? Aber mehr dazu nicht, dieses Spannungsfeld ist nicht mein Metier, da müssen klügere Köpfe ran.

Von Künstler aus gesehen – Vogelstimmen, eine vergängliche akustische Zeichnung in der Luft. Ich versuche in meinen Arbeiten – so auch hier bei den Vögeln – verschiedene Systeme in Beziehung zueinander zu bringen, sie einander gegenüberzustellen, sie sich überschneiden zu lassen, sie miteinander zu verschränken, sie aufeinanderprallen zu lassen. Und dann schauen, was passiert.

Ergibt dann 1 + 1 wieder nur 1 + 1 ?

Oder ergibt das etwas Neues : 1 + 1 = 2 ?

Und noch ein nachgeschobenes Postscriptum, denn diese Sache habe ich erst vor wenigen Tagen entdeckt : Der antike Dichter Plinius der Ältere berichtet von Palamedes, einem griechischen Held des Trojanischen Krieges. Dieser habe viele Erfindungen gemacht. Unter anderem habe Palamedes die Buchstaben und das Alphabet erfunden, nachdem er die Flugformationen von Kranichen beobachtet habe. Kraniche fliegen in großen Gruppen hintereinander in geordneten Linien und V-Formationen, die sich im Flug aber auch bewegen, schwanken, ständig verändern. Aus diesen Flugmustern soll er die Inspiration für die Gestaltung der Buchstaben und das Alphabet erfunden haben. Schließt sich hier mit dieser Sage von Palamedes und den Kranichen ein Kreis zu meinen „Vögeln“ ? Oder setzt sich mit der Geschichte von Palamedes eine Gedankenlinie, die ich mit dieser Arbeit begonnen habe, ein Stück weiter fort ins Offene ?

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Mehr zu meinen „Vögeln“, u.a eine Liste der dargestellten Vögel, gibt es auch hier unter diesem link : https://ralfbertscheit.com/vogel/