Ausstellung „Wer zeichnet ?“

Galerie peripherie im Sudhaus Tübingen, November und Dezember 2024

Land (2024) / Falter (2024) / Die habitable Zone (2017) / Minen (2024) /

Moiré (2014) / Vögel (2024) / hinten (2024) / Kritzel-Kratzel (2024) / gewebt (2014)

Einführungstext von Ralf Bertscheit zur Eröffnung am 22. November 2024

„Wer zeichnet ?“ Ein paar Beispiele :

Sigmar Polke malte 1969 ein Bild mit einer schwarzen Ecke rechts oben, das er so benannte : „Höhere Wesen befahlen, rechte obere Ecke schwarz zu malen.“

Später, 1986, malte er auf der Biennale in Venedig Bilder auf die Wände des Deutschen Pavillons, deren Farben auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit reagierten und sich veränderten, wenn es kühler oder wärmer oder feuchter oder trockener wurde. Damals hielt ich meine Hände auf diese Wände und pustete und hauchte sie an und tatsächlich, die Bilder veränderten sich, malten sich neu.

Yves Klein schleifte mit Farbe begossene nackte Menschenkörper über Leinwände und benutzte sie so als Pinsel oder druckte sie ab für seine Gemälde.

Niki de Saint Phalle schoß mit einem Gewehr auf mit Farbe gefüllte Luftballons und die beim Platzen freigesetzten Farben malten dann das Gemälde.

Und ihr Mann Jean Tinguely machte aus dieser Methode dann gleich eine ganze Sache und zeichnete, indem er seine Skulpturen und Gemälde mit Sprengstoff in die Luft jagte.

Es ließen sich noch viele spannende Geschichten aus der Kunstgeschichte erzählen, wenn man die Frage stellt : Wer zeichnet, wer malt, wer gestaltet hier ?

„Wer zeichnet ?“ ist der Titel meiner Austellung und wie gehört hat diese Frage schon viele Künstler beschäftigt. Sie ist ganz und gar nicht neu, weder für Künstler noch für Kunsttheoretiker. Anders – „klug“ – ausgedrückt raunt der Betrachter oder Kunstkritiker gern von der Frage nach der „Autorenschaft“. Wer kreativ arbeitet, der kennt das Phänomen, dass sich Prozesse oder Materialien irgendwann verselbständigen, ein Eigenleben zu führen beginnen und fast abgetrennt vom Willen und Tun des Künstlers, des Bastlers, des Autors oder eines in sonstiger Weise gestalterischen Schöpfers zu arbeiten beginnen. Beim intensiven Arbeiten mit Material kann ein „Flow“ entstehen, ein Zustand, in dem sich die Arbeit wie von selbst erledigt. Beim bildnerischen Gestalten malt sich dann ein Bild im intensiven Arbeitsprozess plötzlich wie von selbst. Oder man geht abends aus dem Atelier und das eben gemalte Bild malt sich in Abwesenheit des Malers von einem Tag auf den anderen ohne dessen Zutun weiter. Dabei spielt zum einen die Wahrnehmung und der zeitliche Abstand eine Rolle – „gestern sah das doch ganz anders aus“ – manchmal passieren wirklich chemische und physikalische Dinge auf der Leinwand oder dem Papier, die nicht sofort beim Malen entstehen, sondern ihre Zeit brauchen. Mir gefällt dieses Eigenleben, wenn sich unter der Oberfläche befindliche, eigentlich übermalte Farben nach oben durchzeichnen : Die Bilder malen sich selbst.

Das Thema „Wer zeichnet ?“ ist nicht der Kern meiner Kunst, aber über die letzten 30 – 40 Jahre spielte es immer im Hintergrund eine sehr wichtige Rolle, begleitete fast jede meiner Gestaltungsphasen und Bildserien, ist als Prinzip immer mitgestaltend. Und es deutet auch eine inhaltliche Ebene an, die hinter meinem künstlerischen Arbeiten steckt. Ich möchte das in aller Kürze anhand der hier ausgestellten Arbeiten erläutern, in allen sehe ich die Frage „Wer zeichnet ?“ in unterschiedlicher Weise thematisiert.

Die große Zeichnung an der Wand habe ich „Land“ genannt. Sie misst ca. 5 x 6 Meter und ist aus 72 einzelnen Zeichnungen zusammen gesetzt. Vielleicht ist für euch zu erkennen, dass hier Landkarten von Baden-Württemberg das Ausgangsmaterial sind. Es sind aber nicht normale Landkarten, sondern Karten, auf denen fast nur die Höhenlinien sichtbar sind. „Malen nach Zahlen“ könnte man hierzu sagen. In strenger Regel habe ich die Höhenlinien als Markierung für meine Colorierung benutzt. Hier zeichne nicht ich. Hier zeichnet die Landschaft, hier zeichnen die Prozesse, die unsere Schichtstufenlandschaft geomorphologisch geformt haben, die Ablagerung in Sedimenten und die Erosion durch Wind, Wasser, Eis und viel, viel Zeit. Und hier zeichnet die Setzung der Geographen, die willkürlich entschieden haben, eine Struktur über die Landkarten zu legen, bei der alle Punkte gleicher Höhe in bestimmten Abständen die Höhenlinien bilden. Hier zeichnet also die Natur und eine vom Menschen über diese Natur gelegte Struktur. Ich habe das alles letztendlich nur koloriert.

Während „Land“ im vergangenen Winter 2023/24 entstanden ist, stammt die Gemäldeserie hier im Raum und an dieser Wand bereits aus dem Jahr 2016. Ihr Titel ist „Die habitable Zone“, übersetzt heißt das „die bewohnbare Zone“. Die habitable Zone ist ein Begriff aus der Kosmologie. Es ist die Zone um einen Stern, in der Leben möglich ist, weil sie nicht zu weit entfernt und nicht zu nah dran ist an diesem Stern. Nur in dieser Zone ist, nach unserem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand, die Entwicklung von Leben möglich. Mathematisch gesehen ist die kosmische habitable Zone ein rein geometrisches Konstrukt, sind es Kreise von ganz bestimmter Größe, die abhängig sind von physikalischen Werten. Dieses Konstrukt ermöglicht aber das Leben, es lässt Lebendiges entstehen. Grundlage der Bilder meiner Serie „Die habitable Zone“ ist auch Geometrie, „gemalt“ mit Stempeln in serieller Reihung. Ich hoffte, dass durch reine Geometrie und emotionslose physikalische Einwirkung Lebendiges möglich wird. Ist es mir gelungen ? Also natürlich nicht biologisch Lebendiges, aber bildlich Lebendiges zu erschaffen ? Und wer zeichnet, wer malt hier ? Ich traf bei jedem Bild vorweg eine Entscheidung, wie ich beim Stempeln vorgehe und habe beim stunden-, tage- und wochenlangen Stempeln nicht weiter in die Entstehung eingegriffen. Was beim Stempeln und danach mit dem Bild passiert und ob das klappt, ob daraus überhaupt ein „bildwürdiges“ und „lebendiges“ Ergebnis entsteht, wusste ich vorher nicht und die Einschätzung, ob das geklappt hat, überlasse ich euch. Ich finde schon, sonst würde ich die Bilder ja nicht ausstellen.

Die kleinen Fotos zeigen „Minen“. Das sind die Spuren und Zeichnungen, die Schmetterlingsraupen hinterlassen, wenn sie sich nach dem Schlupf aus dem Ei durch die Epidermis, also die oberste Schicht von Blättern fressen. Die Autorenschaft ist hier klar, es sind die Raupen, denen der Beifall für diese hochästhetischen Gebilde gebührt.

Hinten“ heißt diese kleine Serie von Leinwänden. Ich wollte alte Arbeiten, die ich nicht mehr mochte und die mit Öl auf Leinwand gemalt waren, wieder verwenden, spannte die Leinwände vom Rahmen ab, dreht sie um und übermalte die nun auf der Rückseite befindlichen ehemaligen Bilder in schnellen Strichen und ohne jegliche gestalterische Absicht mit weißer Acrylfarbe, stellte sie dann zum Trocknen im Atelier auf die Seite. Am nächsten Tag kam ich ins Atelier, sah sie in diesem Rohzustand wieder und fand : „Whow. Fertig ! Da brauchste nix mehr dran machen.“ Sowohl die komplette Nichtabsicht von Gestaltung als auch das Eigenleben des Materials – die Acrylfarbe „reißt“ so herrlich auf dem Leinöluntergrund – ließen Bilder entstehen, die ich zwar gemacht habe, für die ich aber nichts kann. Wer hat hier gezeichnet beziehungsweise gemalt ?

„gewebt“stammt von 2014. Geometrische Muster stempeln auf Transparentpapier, das entstandene Bild in Streifen zerschneiden, alles gut mischen, dann die Streifen neu zusammenweben, fertig ist ein neues Muster, das sich durch den Zufall malt.

Kritzel-Kratzel“. Hier muss ich Benno und Mats danken. Benno, 8 Jahre alt, und sein älterer Bruder Mats sind die beiden Jungs, die unten bei mir im Haus wohnen. Sie sind manchmal bei mir zu Besuch und kennen die Bilder von mir, die in der Wohnung hängen. Eines Tages sagte der ältere Mats in meiner Abwesenheit zu Benno, ein Bild von mir sähe aus wie Kritzel-Kratzel und als beide dann später bei mir oben waren, nahm Benno diese Äußerung dann ganz mutig auf und sagte frech zu mir : „Du malst ja nur Kritzel-Kratzel.“ Der Begriff „nur Kritzel-Kratzel“ sollte wohl etwas Vorwurfsvolles im Sinne von „Du kannst ja gar nicht richtig zeichnen“ ausdrücken. Gesagt, getan. Ich ging an diesem Tag noch ins Atelier und zeichnete in den folgenden Wochen diese Kritzel-Kratzel-Bilder. Ich versuchte also das zu tun, was ich in den Augen der Jungs eigentlich gar nicht kann, nämlich zeichnen. Ohne weiteren Gedanken an irgendwas, was ich als bildnerische Idee verwirklichen könnte, versuchte ich mich an Kritzel-Kratzel und das kam dabei heraus. Faktisch gesehen haben zwar meine Hände das gezeichnet, aber tatsächlich haben Benno und Mats hier ganz heftig mitgezeichnet.

Die Serie „Moiré“ stammt von 2014. Der „Moiré-Effekt “ ist laut wikipedia „ein optischer Effekt, bei dem durch Überlagerung von regelmäßigen Rastern ein wiederum periodisches Raster entsteht, das spezielle Strukturen aufweist, die in keinem der Einzel-Muster vorhanden sind.“ Ihr kennt sicher Hasendraht-Gitter. Ich habe es auf das Papier gelegt, durch die Gitterlöcher Farbflecke mit den Fingern draufgetupft, das Gitter in einem bestimmten Winkel gedreht, wieder getupft, wieder gedreht … und es entstanden diese „speziellen Strukturen“ – ganz wie von selbst. Ich habe sie nicht gezeichnet, ich habe nur Punkte getupft.

Vögel“ heißt die Installation draußen im Vorraum der Peripherie. Ich habe aus einem Buch, einem Vogelführer, die dort sprachlich nachgeahmten Laute von Vögeln abgeschrieben bzw. „abgestempelt“. Dabei habe ich nur die Stimmen von Vögeln genommen, die ich selbst schon in Baden-Württemberg gesehen habe. Vogelstimmen. An sich schon eine vergängliche akustische Zeichnung in der Luft. Auch jedesmal, wenn morgens gehört, eine Zeichnung in meinem, in eurem Kopf. Wer zeichnet hier ? Ich hoffe, in eurem Gesicht kann dieser absurde Ansatz, Vogeltöne sprachlich zu benennen, ein Lächeln zeichnen und in eurem Kopf zeichnet ihr selbst ein Vogelkonzert wie an einem Frühlingsmorgen.

Falter“ ist in voller Absicht eine Arbeit aus dem Atelier, von der ich noch gar nicht weiß, ob sie fertig ist und ob das überhaupt Kunst ist oder wird. Hier liste ich die wissenschaftlichen Namen von 1016 Schmetterlingsarten auf, die ich im Zeitraum von 2017 bis 2023 in Baden-Württemberg gefunden habe. Denn ein Hobby von mir ist die Suche nach Schmetterlingen, vor allem nach Nachtfaltern. Die dabei geführten Listen empfinde ich als hochästhetische Darstellungen. Zum einen sind Listen, Tabellen und Reihungen für mich bildnerische Strukturen und ästhetische Phänomene, die mich begeistern und faszinieren. Zum anderen sind es doch aber auch phantastische und hochpoetische Namen, die die jeweiligen Forscher für ihre neuentdeckten Falter erfunden haben : Thyatira batis – Brintesia circe – Opisthograptis luteolata – Vanessa atalanta – Eupithecia laquaearia – Noctua pronuba – herrlich ! Wer zeichnet hier ? Ich hoffe, könnt Ihr verzeihen, dass ich auch etwas so Unfertiges hier ausstelle. Vielleicht könnt ihr nach den gezeigten und vorgestellten Beispielen euch einen Reim auf diese Arbeit machen. Und falls Ihr etwas findet, dann sagt es mir, weil mir selbst gibt das Ganze noch Rätsel auf.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich noch einmal den in der Sudhaus-Ankündigung geschriebenen Einführungstext dieser Ausstellung zitieren und hoffe, dass Ihr dieser Quasi-Zusammenfassung meiner Einführung zustimmen könnt :

Naturphänomene und natürliche Strukturen sind oft Ausgangspunkte von Ralf Bertscheits Arbeiten, an ihnen arbeitet er zeichnerisch, malerisch und konzeptionell weiter. Damit versucht er in erster Linie dem bearbeiteten Gegenstand Respekt zu erweisen, indem er ihn „sprechen“ lässt und ihn nicht durch eigenes künstlerisches Zutun bevormundet und umdeutet. Die Zurücknahme des eigenen Ichs ist dabei das beabsichtigte Prinzip, der Künstler als Schöpfer tritt zurück und in den Dienst der Natur und der Kunst. Zu Ende gedacht ist bei Ralf Bertscheit nie etwas, alles in seiner Kunst ist stets erweiterbar und im Prozess des Werdens und der Veränderung begriffen. So will auch die Ausstellung in der Peripherie kein schlüssiges Bild oder zu Ende gedachtes Konzept zeigen, sondern Prozesse des künstlerischen Arbeitens, des Denkens und des nicht-zu-einem-Ende-Kommens.“

Vielen Dank für Euren Besuch.

Ralf Bertscheit. November 2024