im Künstlerbund Tübingen
Januar / Februar 2023
Text
„Natur“ – Ralf Bertscheit
Ausstellung im Künstlerbund Tübingen – Januar und Februar 2023
Rede zur Ausstellungseröffnung von Ralf Bertscheit
Welcome to the jungle, liebe Gäste, herzlich willkommen in dieser Ausstellung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen des Künstlerbundes, wir ihr seht, habe ich unsere Galerie frisch tapeziert.
Das ist nach 2016 meine zweite Ausstellung hier im Künstlerbund und schon nach der ersten musste ich mir freundlichen Spott, ernsten Tadel und wohlbegründete Kritik anhören – „so hängt man doch nicht.“ Wie ihr seht, ich habe nichts dazugelernt. Ich habe es sogar noch schlimmer gemacht als beim letzten Mal. Und doch, ich hänge so, und das hat nichts mit Aufschneiderei und „schaut mal, was ich alles habe“ zu tun. Auf die Gefahr hin, dass ich mich gewaltig „verlupfe“, möchte ich diese Hängung mit der Struktur des Weißen Albums der Beatles vergleichen : viele Musikstücke mit völlig unterschiedlichen musikalisch-stilistischen Ansätzen, die aber zusammen ein vielgestaltiges, differenziertes und nur deshalb ganzheitliches Bild ergeben. Diese dichte Hängung ist eine bildnerische Installation, bei der die disparaten Einzelteile zusammengehören und aufeinander Bezug nehmen. Und das nicht nur räumlich, sondern vor allem inhaltlich. Für mich ist diese Präsentation der Bilder ein Mittel, meinem Thema „Natur“ in meiner Sichtweise gerecht zu werden.
Womit wir beim Thema und Titel wären : Natur.
Zunächst ein kleiner Prolog zur „inneren Haltung“, die dieser Ausstellung zu Grunde liegt.
In seinem Buch „Die unglaubliche Reise der Pflanzen“ schreibt Stefano Mancuso über Bäume in Hiroshima. Sie hatten den Atombombenabwurf 1945 überlebt, obwohl sie in nächster Nähe der verheerenden Explosion standen. Ein Wunder, sie stehen und wachsen heute noch dort. Es sind (Zitat Mancuso) „ganz normale Bäume eben – wären da nicht der offenkundige Respekt und die Zuneigung gewesen, die ihnen die Menschen entgegenbrachten, die kamen, um sie zu „treffen“. Ein älteres Ehepaar hatte Klappstühle mitgebracht, auf denen die beiden nun vor dem Gingko saßen und ein langes Gespräch mit dem Baum führten. Ein Junge umarmte den Baum rasch, bevor er seinen Weg fortsetzte. Jeder, der an den Bäumen vorüberkam, schien sie gut zu kennen, und Menschen jeden Alters verbeugten sich tief vor ihnen – sogar Kinder.“ (Zitat Ende)
Das hat mich beim Lesen sehr berührt : diese innere Haltung den Bäumen und der Natur gegenüber. Achtung, Respekt, Zuneigung. Oder einfach nur : Haltung – und nicht Gleichgültigkeit.
Wenn ich über meine Arbeiten hier in dieser Ausstellung spreche, dann muss ich vor allem eines erklären. Sie entstehen in der Natur. Mein Atelier ist eine Gartenhütte inmitten der Natur. Direkt vor den Fenstern : Bäume. Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Walnüsse. Wiesen, Büsche, Brombeeren, Brennnesseln. Blätter, Äste. Der Waldrand ist in Sichtweite. Der Himmel darüber.
Muss ich noch mehr sagen ? Eigentlich kann ich hier aufhören zu reden, oder ? Nein, das mache ich nicht, Sie erwarten mit Recht noch mehr.
Schauen Sie sich die Bilder mit dem Wissen an, wo sie entstehen, denken Sie dabei an den Titel der Ausstellung „Natur“. Ich hoffe, es ergeben sich genug assoziative Räume in Ihrem Kopf, die dem Titel zustimmen und wissen, was ich meine. Wenn nicht – auch schön – dann wünsche ich mir, dass der Titel „Natur“ eine Behauptung ist, die Widerspruch auslöst und Reibung entstehen lässt.
Vor ca. 30 Jahren hatte ich eine Ausstellung im Weißen Häusle in Hechingen. Meine Nichte Ellen, damals etwa 7 Jahre alt und meine Neffe Daniel, 5 Jahre alt, besuchten mich mit ihren Eltern und schauten sich die Ausstellung an. Der kleine Daniel legte die Stirn in Falten und fragte wunderbar unverblümt : „Ralf, was ist denn das auf den Bildern ? Was soll das sein ?“ Bevor ich antworten konnte, fuhr die etwas ältere Ellen resolut dazwischen und sagte empört : „Ha, sieht man doch. Natur halt !“
Danke Ellen. Natur halt ! Sieht man doch ! Ich schon. Sie auch ?
Den großen Arbeiten auf Leinwand, die sie in dieser Ausstellung sehen, liegt allen eine händische, erdige, dreckige Geometrie zugrunde. Ein gleichmäßiges All-over-Konzept wuchert und wächst über die gesamten Fläche der Bilder. Diese Art der Bildgestaltung beschäftigt mich schon ein paar Jahre lang. Die kleinen Tuschezeichnungen, die Sie in einem Block gehängt vorne an einer eigenen Wand sehen können, sind im letzten Winter entstanden. Und seit dem Sommer des vergangenen Jahres erarbeitete ich ca. 130 größere Zeichnungen auf Papier, von denen sie viele in dieser Ausstellung sehen.
Nach dem strengen Bildkonzept der vorigen Arbeiten wollte ich bei diesen Zeichnungen nun offener, spielerischer und naiver an meine Bilder herangehen. Ich kaufte einen Stapel neues Papier und fertigte neue Zeichnungen an, ging aber auch in mein Bilderlager und kramte alte Zeichnungen hervor, die ich dann übermalte und überzeichnete. So wurde die Arbeit an diesen Zeichnungen auch zu einem Rekapitulieren des Arbeitens der letzten ca. 30 Jahre. Dabei wurde mir klar, was ich eigentlich eh schon wusste, was sich aber in den alten Zeichnungen auch beweiskräftig niederschlug – manchmal glaubt man sich ja selber nicht :
Wenn es so etwas wie einen Resonanzboden in meinem künstlerischen Arbeiten gibt, der über die Jahre hinweg gleichgeblieben ist, dann ist es das Thema „Natur“. Mein Interesse galt und gilt Strukturen und Prozessen in der Natur. Was in den Zersetzungsprozessen im Boden vor sich geht, in der Umwandlung von anorganischem in organisches Material, was in einer Pflanze während ihres Wachstums passiert, alle Bedingungen und Einflüsse des Wetters, des geologischen Untergrunds, des materiellen Zerfalls und daraus entstehend des organischen Wiederaufbaus, das alles umgibt mich im Atelier, passiert vor den Fenstern des Ateliers, steht mir beim Arbeiten an meinen Bildern vor Augen. Daraus entstehen diese Bilder, das schlägt sich in ihnen nieder. Nach einem alten Stevie-Wonder-Album könnte man diese Ausstellung auch „The secret life of plants“ nennen.
Wie macht man etwas sichtbar, das nicht zu sehen ist ? Von dem man nicht den Prozess sieht, sondern nur das Ergebnis. Haben Sie schon einmal eine Pflanze wachsen sehen ?Die schnellste Bewegung einer Pflanze, die ich kenne, ist die einer Nachtkerze, die im Sommer abends ihre Blüte öffnet. Hinschauen, wegschauen, eine Minute später wieder hinschauen, schon ist die Blüte ein Stück weiter geöffnet. Aber die Bewegung, den Prozess selber sehen, mir ist das noch bei keiner Pflanze gelungen. Der Horror jedes Gütlebesitzers, aber gleichzeitig absolut faszinierende Pflanzen sind Brombeeren. Ihre Ranken können in 6 Monaten bis zu 6 Meter lang werden. Sie wachsen also rasante 3 Millimeter am Tag. Haben Sie schon einmal eine Zellteilung mit bloßem Auge gesehen ? Haben sie schon einmal gesehen, wie eine Zelle sich dehnt und streckt ? Diese unserem Leben zugrunde liegenden Vorgänge passieren dauernd, ständig, immer, jetzt, in dieser Sekunde, zigmilliardenfach in uns und überall um uns herum – und wir können sie mit den uns von Natur aus gegebenen Sinnen nicht wahrnehmen. In den Bildern, die sie in dieser Ausstellung sehen, habe ich versucht, mich in diese unsichtbaren Prozesse des Wachsens in der Natur hineinzuversetzen.
Das klingt nun so, als ob ich sehr kontrolliert und bewusst gesteuert arbeite. Überhaupt nicht. Dazu 2 Zitate.
Einer meiner Lieblingsmaler, Olav Christopher Jenssen, sagte in einem Interview : „Ich weiß genau, was ich tue – und verstehe es zugleich überhaupt nicht.“
Und der Autor Rick Bass in seinem Roman „In den Tiefen der Erde“: „Als könnte er zugleich bewusstlos und aufmerksam sein. Als könnte ein Mensch zugleich schlafen und wach liegen …“
So geht es mir, wenn ich im Atelier arbeite. Mein Zeichnen und Malen bewegt sich genau in diesem Zwischenzustand des aufmerksamen, beobachtenden, wissenden Bewusstseins und des bewusstlosen, nichts wissenden Fallenlassens in den Prozess des Bildermachens. Dabei habe ich einen Vorsatz : ich möchte einen naiven Blick haben, ich möchte ganz bewusst naiv arbeiten, wenn ich versuche, mich in Pflanzen und ihr Wachstum hineinzudenken. Damit meine ich, möglichst unbefangen und ohne Vorbilder zu arbeiten. Wissenschaftliche Darstellungen, Fotos, mikroskopische Aufnahmen von Zellteilungen, Wachstumsstrukturen und biologischen Vorgängen gibt es zur Genüge. Mit ganz wenigen Ausnahmen habe ich diese bewusst außer Acht gelassen. Ich wollte nichts abzeichnen, sondern meine eigenen, inneren, naiven Vorstellungen von organischer Dynamik, von Prozessen, Verwandlungen und Wachstum entstehen lassen und darstellen. Malen und Zeichnen ist für mich ein „Wachsen lassen“, die Bilder wachsen und ich schaue ihnen dabei zu, eines entwickelt sich aus dem anderen, nur weniges ist von mir geplant, es unterliegt aber trotzdem einer inneren Logik, die sich beim Machen einstellt. Ich liebe den Gedanken, dass der Prozess meines Arbeitens damit auch ein Teil des Themas ist : wachsen lassen, die Natur, die Bilder unter meinen Händen arbeiten lassen, selber Teil des Ganzen zu sein, zu spüren, dass ich an der Dynamik der Natur teilnehme.
Das ist der Mittelpunkt der Welt. Nicht wir, nicht die Menschen, nicht die Geschichten, die unser kleines Leben schreibt, nicht die Sorgen und Gedanken, die uns tagtäglich unsere Mitte und Ruhe nehmen, nicht der Job, nicht die Politik, nicht die Wirtschaft, schon gar nicht der Krieg. Nein, die Natur, das Sein der Natur, das versteckte Geschehen in der Natur da draußen, das ist der Mittelpunkt der Welt. Und wir alle sind nur ein winzig kleiner Teil davon.
In meinen Arbeiten hier zeige ich also mein Hineindenken in die Prozesse der Natur und meine Freude und Begeisterung über ihre Metamorphosen und ihre Wunder. Und nach dem Vergleich mit dem Weißen Album der Beatles zu Beginn der Rede verlupfe ich mich zum Schluss gleich wieder mächtig. Denn ich hole noch einen Zeugen an meine Seite, der diese Begeisterung und den Ansatz des Hineindenkens in natürliche Metamorphosen und Prozesse schon vor 250 Jahren hatte, nämlich einen gewissen Herrn Goethe aus Weimar.
Holger Noltze hat Goethes Beschäftigung mit der scheinbar von ihm gefundenen „Urpflanze“ so beschrieben (Zitat Noltze) :
Auf seiner Reise durch Süditalien 1787, im Botanischen Garten von Palermo will Goethe sie entdeckt haben. Genauer : das „Prinzip der ursprünglichen Identität aller Pflanzenteile“. Es geht also nicht um die älteste aller Pflanzen, sondern um das morphologische Muster, eine Grundähnlichkeit, aus der sich dann durch Metamorphose die Einzelarten ableiten lassen. Gegen Linnés Klassifizierung durch Bestimmung der Differenz sucht Goethe die Feststellung des Gemeinsamen.
Voller Forscher-Euphorie schreibt er an Charlotte von Stein : „Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt über welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüßel dazu, kann man alsdann noch Pflanzen ins unendliche erfinden, die konsequent seyn müßen, das heißt : die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren könnten und nicht etwa mahlerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige lebendige anwenden laßen.“
Daraus geht nicht nur hervor, dass Goethe einem Geheimnis der Botanik auf die Spur gekommen zu sein glaubt; die Vorstellung von einer „Urpflanze“ beschreibt einen für Goethe essentiellen Vorgang organischen Werdens. Aus der Anschauung des Naturobjektes kann auf ein hinter dem Sichtbaren waltendes Prinzip geschlossen werden. 1790 fasst er seine Überlegungen in 123 Abschnitten als „Die Metamorphose der Pflanzen“ zusammen.
Die „Urpflanze“ ist auch das Gesprächsthema bei der ersten wichtigen Begegnung mit Friedrich Schiller am 20.7.1794 in Jena. Goethe trug seine Vorstellungen „lebhaft“ vor, (Zitat Goethe) „als ich aber geendet, schüttelte er – Schiller – den Kopf und sagte : das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. Ich stutzte, verdrießlich einigermaßen : denn der Punkt, der uns trennte, war damit aufs strengste bezeichnet. Der alte Groll wollte sich regen, ich nahm mich aber zusammen und versetzte : das kann mir sehr lieb sein, daß ich Ideen habe und sie sogar mit Augen sehe.“ (Zitat Ende)
(aus Holger Noltze, Goethe für die Westentasche)
Ideen, die man mit Augen sehen kann, Ideen von Naturprozessen.
Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei.
Vielen Dank für Ihren Besuch der Ausstellung.
Ralf Bertscheit, Januar 2023